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WIE WICHTIG IST BEWEGUNG BEI PARKINSON?


Keep Moving Expertentalk mit Prof. Dr. med Ebersbach



Wie äußert sich Parkinson?

Welche unterschiedlichen Formen der Erkrankung gibt es?


Parkinson ist ein Krankheitsbegriff der sehr unterschiedliche Schicksale und Krankheitsverläufe umfasst.

Es gibt sehr milde Verläufe, wo ein Zittern

über viele Jahre das einzige wesentliche Symptom bleibt.

Und die Lebensqualität über Jahrzehnte gut erhalten bleibt.

Und medikamentöse Behandlung weitgehend

gut zu Händeln ist.

Es gibt aber auch aggressivere Verläufe,

wo dann doch in einigen Jahren

nennenswerte Behinderungen auftreten.

Und dazwischen gibt es eben viele

mittlere und weniger schwere oder schwere Verläufe.

Also es gibt nicht, wenn man so will den Parkinson‘,

sondern es gibt eine Vielzahl von unterschiedlichen

Ausprägungen.

Sowohl was die Art der Symptome als auch was den

Schweregrad angeht, von Parkinson.

Und jede dieser Formen muss natürlich individuell

behandelt werden.


Gibt es Aussicht auf Heilung bei Parkinson? Welche Therapieansätze sind erfolgversprechend?


Derzeit erleben wir gerade eine neue Ära

in der Parkinson Therapie.

Das kommt dadurch, dass die biologischen Mechanismen

der Parkinsonkrankheit jetzt besser verstanden worden sind

und man gezielt an Therapien arbeiten kann

die an diesen biologischen Ursachen des Parkinsons

angreifen, also genauer gesagt den Zellstoffwechsel

beeinflussen. Vereinfacht gesagt:

Man arbeitet insbesondere daran, die Müllabfuhr

in den Nervenzellen zu verbessern

und schädliche Eiweißpartikel aus dem

Organismus zu entfernen.

Es gibt bisher noch keine Therapie die

nachgewiesenermaßen die Krankheit stoppt

oder verlangsamt, aber die Chance das in den nächsten

Jahren solche Therapien zur Verfügung stehen können

ist recht hoch.

Wie wichtig ist Bewegung bei Parkinson ?

Gibt es Bewegungsangebote die Sie besonders Empfehlen?


Die Medikamententherapie ist natürlich etwas,

was bei Parkinson eine sehr große Rolle spielt.

Angefangen damit, dass man versucht den Botenstoff Dopamin,

der bei Parkinson vermindert ist, so gut wie möglich

durch Tabletten oder Infusionen auszugleichen.

Darüber wird aber oft übersehen,

dass die übenden Therapien, die Bewegung,

das Training mindestens genauso wichtig ist

und wahrscheinlich sogar für den langfristigen Krankheitsverlauf

wichtiger als Medikamente.

Therapien, die für Parkinson angeboten werden, gibt es viele.

Ganz wichtig ist die Dosis, also wie viel man macht,

wie intensiv man trainiert spielt eine große Rolle.

Und bei der Auswahl der Methoden sollte man

ein Stück weit die Dinge berücksichtigen die bei

Parkinson besonders wichtig sind:

Körperkontrolle, Körperwahrnehmung,

Gleichgewicht, Bewegungsamplitude, Geschwindigkeit.

Da können so Sachen helfen wie Nordic Walking, die sogenannte

BIG Therapie, wo sehr intensiv große Bewegungen geübt werden.

Laufbandtherapie aber eben auch Dinge die besonders viel

mit der Wahrnehmung zu tun haben.

Und da zählt eben auch Taiji dazu, dass dem Übenden

vermittelt wie er seinen Körper besser kontrollieren kann.



Wieviel Training ist empfehlenswert?

Spricht etwas gegen unterschiedliche Bewegungsansätze?


Beim häuslichen Training gibt es

genau genommen keine Grenze

nach oben. Es gibt eher eine Grenze

nach unten. Unsere Empfehlung lautet:

Minimum sollte das sein, was auch die WHO

empfiehlt, nämlich drei Stunden Training pro

Woche. Das kann man schaffen.

Das sind 20-30 Minuten pro Tag.

Manchmal muss man sich vielleicht dazu zwingen,

aber das sollte zu einer Selbstverständlichkeit werden.

Was man macht ist schon sinnvoll sich das von

einem Therapeuten zeigen zu lassen

oder sich da Empfehlungen geben zu lassen,

damit man eben auch gezielt trainiert.

Anstatt sich zum Beispiel falschen Belastungen

auszusetzen.

Ob das dann immer das gleiche ist, oder ob man

dann jeden Tag etwas anderes macht, das

ist dem eigenen Gusto überlassen.

Da wäre ich jetzt nicht dogmatisch.

Es gibt bestimmte Therapiearten, wie z.B. die BIG Therapie

wo man über einen kurzen Zeitraum,

sehr intensiv ein bestimmtes Training macht.

Da macht es Sinn bei der Methode zu bleiben.

Ähnliches wie ich gerade für die BIG Therapie

gesagt habe würde auch für das Taiji gehen.

Dass man, wenn man dabei ist diese Techniken

zu lernen und zu perfektionieren,

es sich lohnt bei der Stange zu bleiben

und es intensiv zu üben.

Gibt es auch Bewegungsansätze die sich negativ bei Parkinson auswirken?


Grundsätzlich muss man sagen, erlaubt ist was gefällt.

Es ist sogar gut wenn es Spaß macht, weil dann ist man

motivierter es auch zu tun. Ständig etwas zu machen worauf

man eigentlich keine Lust hat,

fällt ja bekanntermaßen sehr schwer.

Also ich sehe jetzt nicht wirklich

eine Sportart die man bei Parkinson

nicht machen sollte.

Bei einigen Dingen sollte man sich kritisch

hinterfragen. Also wenn man jetzt sehr schnell

Rennrad fährt oder schwimmt

und man fest stellt es gibt

doch Koordinierungsprobleme.

Oder man hat Probleme den Rumpf

flach auf dem Wasser zu halten.

Das sollte man im Blick behalten.

Es gibt keine verbotene Sportart, aber

es mach Sinn das eigene Können

ein bisschen abzugleichen mit den

Anforderungen die eine Sportart

an eine stellt.


Bedeutet Bewegung automatisch auch immer Erhalt der Beweglichkeit?


Ich glaube ich würde das Wörtchen

automatisch weglassen,

weil es klingt ein bisschen nach Garantie.

Das ist in der Medizin immer schwierig

100%ige Versprechungen für irgendetwas

abzugeben. Aber grundsätzlich ist es völlig richtig.

Die aktive Bewegung, das aktive Trainieren

ist eine sehr gute Gewehr dafür, dass man langfristig

bei Parkinson mobil bleibt.

Das trifft auf‘s Gehen zu, auf‘s Gleichgewicht,

auf‘s Sprechen.

Es gibt umgekehrt den ganz einprägsamen englischen Spruch:

‚Use it or loose it.‘ Also das was man nicht trainiert,

geht viel eher verloren als die Dinge, die man aktiv übt.


Welche Rolle spielt Bewegung für das Gehirn?


Mittlerweile gibt es eine recht umfangreiche Forschung

zum Thema: ‚Was löst Bewegung im Gehirn aus?‘

Das eine ist, was man auch bei Versuchstieren festgestellt hat,

dass der Gehirnstoffwechsel, das Aussprossen von Nervenzellen,

durch Bewegung angeregt wird.

Man kann aber auch beim Menschen

z.B. durch bestimmte Arten der Bildgebung,

durch die Kernspintomographie zeigen,

das durch Bewegung, nervliche, neuronale Netzwerke

im Gehirn angeregt werden, ausgebaut werden.

Man spricht in dem Zusammenhang von Plastizität,

also von der Fähigkeit des Gehirns neue Verbindungen

zu bilden und neue Netzwerke zu konstruieren.

Und da spielt Bewegung eine ganz große Rolle.


Sind neue Bewegungsmuster für Parkinson Patienten leichter umsetzbar?


Interessant ist bei Parkinson, das besonders

die Dinge schwer fallen, die hoch automatisiert sind,

die man ohne großes Nachdenken macht wie

Laufe, Sprechen, gerade Körperhaltung, das Mitpendeln der

Arme beim Gehen.

Also Dinge die normalerweise automatisch ablaufen

sind bei Parkinson besonders stark betroffen.

Und manchmal, das ist ganz faszinierend, ist es so

das Dinge die eigentlich schwieriger, aber nicht

so automatisiert sind, wie z.B. Rückwärtslaufen,

oder im militärischen Schritt marschieren oder singen.

Dass das besser geht als die übliche Alltagsmotorik.


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